Taiwans Verteidigungsminister Wellington Koo (顧立雄) hat angesichts einer drastischen Zunahme chinesischer Militäraktivitäten vor einem Nachlassen der Wachsamkeit in der Bevölkerung gewarnt. In einem Hintergrundgespräch legte Koo dar, dass Peking durch eine „Normalisierung der Belästigung“ versuche, die Taiwanstraße faktisch als Binnengewässer zu etablieren und die taiwanische Öffentlichkeit psychologisch abzustumpfen. „Wenn sich solche Aktionen ständig wiederholen, besteht die Gefahr, dass die Öffentlichkeit gleichgültig wird. Aber die Bedrohung ist real und akut“, so Koo.
Die Zahlen des Ministeriums belegen die Intensivierung. Im Jahr 2025 verzeichnete Taiwan 3.764 Einsätze chinesischer Kampfflugzeuge in der Luftraumüberwachungszhone – ein Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Präsenz chinesischer Kriegsschiffe in Taiwans sogenannten Reaktionszonen – den Bereich unmittelbar vor den taiwanischen Hoheitsgewässern, in dem das Militär Abfangmaßnahmen einleitet – nahm um rund sieben Prozent auf 2.640 Fälle zu. Koo betonte, Taiwan werde nicht provozieren, müsse aber nach dem Prinzip handeln: „Nur wenn wir uns selbst helfen, können andere uns helfen.“
Trotz vergangener Verzögerungen bei US-Rüstungslieferungen haben sich die globalen Lieferketten laut Koo stabilisiert. Noch in diesem Jahr soll die Auslieferung der bestellten M1A2T-Kampfpanzer abgeschlossen werden. Zudem erwartet Taiwan die Ankunft von HIMARS-Raketenwerfern, Harpoon-Raketen, Minenverlegesystemen sowie Drohnen (u.a. MQ-9B). Parallel dazu setzt das Ministerium verstärkt auf technologische Innovation. Ein neues Verteidigungsinnovationsteam soll die Nutzung von Künstlicher Intelligenz für militärische Zwecke vorantreiben.
Um die Verteidigungsfähigkeit nachhaltig zu sichern, wirbt die Regierung um ein Sonderbudget in Höhe von umgerechnet rund 33,5 Milliarden Euro (1,25 Bio. NTD). Die Mittel sollen nicht nur die Munitionsreserven aufstocken und eine von China unabhängige Lieferkette fördern, sondern laut Regierung auch 90.000 Arbeitsplätze schaffen. Das Vorhaben stockt jedoch im Parlament. Die Opposition, die über die Mehrheit verfügt, hat das Paket bisher blockiert und einen eigenen, deutlich reduzierten Gegenentwurf eingebracht, der Mittel für bestimmte US-Waffenkäufe streicht.
Ungeachtet der politischen Debatte wird die Ausbildung der Truppe reformiert. Seit Januar 2026 wurde das Reservistentraining vollständig auf einen intensiven 14-tägigen Zyklus umgestellt. Für die regulären Truppen werden die taktischen Manöver auf zehn Tage und neun Nächte im 24-Stunden-Dauerbetrieb ausgeweitet, um die physische und psychische Belastbarkeit unter realistischen Gefechtsbedingungen zu stärken.