Taiwans Präsident Lai Ching‑te (賴清德) hat heute (28.) bei der zentralen Gedenkfeier zum 79. Jahrestag des 228‑Ereignisses vor dem Historischen Museum Kaohsiung die Aufarbeitung der Vergangenheit zugesichert. Er sagte, das Gedenken solle auf Grundlage der Wahrheit Verständigung und Zusammenhalt schaffen, damit Taiwans Demokratie nicht zurückfalle. Lai verwies auf angeordnete Aktenöffnungen zur Kriegsrechtszeit und betonte angesichts chinesischer Annexionsversuche die Pflicht, Souveränität und Demokratie mit realer Stärke zu schützen. Anwesend waren heute auch Premier Cho Jung‑tai (卓榮泰), Innenministerin Liu Shih‑fang (劉世芳), Kulturminister Li Yuan (李遠) und Kaohsiungs Bürgermeister Chen Chi‑mai (陳其邁).
Lai erläuterte weiter, er habe nach Amtsantritt das Nationale Sicherheitsbüro (國家安全局) beauftragt, rund eine Million Akten aus der Kriegsrechtszeit per Hand zu prüfen. Nach 1 Jahr und 4 Monaten seien in diesem Monat über 50.000 weitere politische Akten (bis 1992) vollständig deklassifiziert worden. Zusammen mit früheren Transfers seien mehr als 140.000 Dossiers an das Archivamt des Nationalen Entwicklungsrats (國發會檔案局) übergeben – nach dem Grundsatz "kein Vorgang bleibt zurück, kein Wort wird geschwärzt". Auch zum Lin‑Yi‑xiong‑Hausmassaker seien die Bestände freigegeben. Zugleich habe sich gezeigt, dass viele Beweise systematisch vernichtet und Ermittlungen durch Sicherheitsdienste behindert worden seien – ein Befund, der die staatliche Gewalt der autoritären Zeit belege.
Für die weitere Aufarbeitung kündigte der Präsident an: Das Bildungsministerium soll lokale Erinnerung stärker in Lehrplänen verankern, das Kulturministerium soll mehr Projekte zur Übergangsjustiz und zur Sicherung von Tat‑ und Erinnerungsorten fördern.
Vizepräsidentin Hsiao Bi-khim (蕭美琴) nahm in Taipei an der 46. Jahresfeier zum Lin-Fall in der Yiguang-Kirche teil. Die Kirche ist aus dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lin entstanden. Hsiao sagte, nur wer Wahrheit erkenne und Verantwortung übernehme, könne Taiwans Zukunft schützen. Die Kirche war stark besucht, denn der Film 世紀血案 (übersetzt etwa Jahrhundertblutbad, weitere Informationen siehe unten) habe eine "historische Nachholwelle" ausgelöst.
Außenminister Lin Chia-lung (林佳龍) schrieb heute in einem Facebookpost, der 28. Februar stehe für Schmerz und Hoffnung. Er teile bei Besuchen internationaler Gäste Taiwans Erfahrung der demokratischen Transformation als gemeinsame Sprache derer, die Menschenrechte und Freiheit verteidigen. Des Weiteren hob Lin das 30. Jubiläum der Direktwahl des taiwanischen Präsidenten hervor und betonte, unterschiedliche Deutungen seien in einer Demokratie möglich, doch über Taiwans Weg entschieden die Menschen in Taiwan.
Landesweit wurde erinnert und demonstriert. In Taipei bat Bürgermeister Chiang Wan-an (蔣萬安) bei der städtischen Gedenkfeier um Vergebung; zugleich protestierte vor Ort ein Angehöriger eines Opfers mit einer Papiertüte über dem Kopf und einem Schild mit der Aufschrift „Keine Wiedergutmachung für die Opfer, keine Möglichkeit der Vergebung“ (代誌無解決、原諒無可能). Vor dem 228-Park in Taipei demonstrierten Unabhängigkeitsgruppen und einige Angehörige gegen angebliche Einschränkungen von Demonstrationsrechten durch die Stadt. 125 Polizisten sicherten die friedliche Veranstaltung. Aktivisten forderten von Chiang eine klare Entschuldigung und einen Besuch der Yiguang-Kirche. Ein Angehöriger beklagte anhaltende politische Traumata und forderte in erster Linie Wahrheit als Voraussetzung für eine funktionierende Übergangsjustiz.
Hintergrundinformationen zum Lin‑Haus‑Massaker und Filmkontroverse:
Das Lin‑Haus‑Massaker ereignete sich am 28. Februar 1980 während der Kriegsrechtszeit in Taiwan. Während der damalige Provinzabgeordnete und Angeklagte im Kaohsiung-Aufstand Lin Yi‑xiong (林義雄) in Haft war, wurden seine Mutter sowie zwei seine zwei siebenjährigen Zwillingstöchter in der Wohnung erstochen, eine weitere neunjährige Tochter wurde schwer verletzt, überlebte aber. Wegen der rund um die Uhr laufenden Überwachung des Hauses durch Sicherheitsdienste galt der Anschlag weithin als Einschüchterung der Opposition. Der Fall blieb 46 Jahre lang ungeklärt und wurde zum Symbol des Weißen Terrors und eines kollektiven Traumas in Taiwans Übergang zur Demokratie. Offizielle Untersuchungen beschrieben zerstörte Beweise, fehlgeleitete Ermittlungen und mutmaßliche Eingriffe von Sicherheitsbehörden. Lin selbst sprach darüber kaum öffentlich.
Der taiwanische Film 世紀血案 (Jahrhundertblutbad) greift den Fall auf und sollte 2027 erscheinen. Nach einer Pressekonferenz geriet die Produktion in die Kritik, weil Aussagen von Mitwirkenden als verharmlosend wahrgenommen wurden und weil weder Lin Yi‑xiong noch seine Familie ihr Einverständnis gegeben hatten. Daraufhin distanzierten sich Darstellende und Team, kündigten rechtliche Schritte an und der Produzent Kuo Mu‑sheng setzte die Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit aus. Die Debatte machte ethische Fragen der Stoffbearbeitung sowie Wissenslücken zur Geschichte des Weißen Terrors sichtbar.