Taiwans regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) steht unmittelbar vor der Nominierung des Abgeordneten Puma Shen (沈伯洋) für das Amt des Bürgermeisters von Taipei. Wie aus Parteikreisen verlautete, soll der zuständige Strategieausschuss am morgigen Mittwoch die offizielle Empfehlung für den 43-Jährigen aussprechen. Shen würde damit bei der kommenden Wahl gegen den populären Amtsinhaber Chiang Wan-an (蔣萬安) von der oppositionellen Kuomintang (KMT) antreten.
Obwohl die Entscheidung noch formal bestätigt werden muss, hat Shens Team die Arbeit hinter den Kulissen bereits aufgenommen. Shen, der erst seit 2024 im Parlament sitzt, hat sich als Experte für zivile Verteidigung und die Bekämpfung chinesischer Desinformation profiliert. Er ist Gründer der „Kuma Academy“, einer Organisation für gesellschaftliche Resilienz, und wurde aufgrund seiner dezidierten Haltung bereits von Peking mit Sanktionen belegt.
Das Bürgermeisteramt in Taipei hat in der Vergangenheit oft als entscheidendes Sprungbrett für eine spätere Präsidentschaftskandidatur gedient. Prominente Beispiele hierfür sind die ehemaligen Präsidenten Chen Shui-bian (陳水扁) und Ma Ying-jeou (馬英九), sowie der für Korruption verurteilte ehemalige Präsidentschaftskandidat der Volkspartei (TPP), Ke Wen-je (柯文哲). Auch dem amtierenden Bürgermeister Chiang werden Ambitionen auf das höchste Staatsamt nachgesagt.
Das letzte Mal, dass die DPP den Bürgermeister der Hauptstadt stellte, war unter Chen Shui-bian, dessen Amtszeit bereits 1998 endete. Seit über einem Vierteljahrhundert wird Taipei ununterbrochen von der KMT oder parteilosen Kandidaten regiert.
Taipei gilt als strukturelle Hochburg des konservativen „blauen Lagers“ (KMT). Während die DPP meist nur auf einen festen Kern von etwa 30 bis 35 Prozent der Stimmen zählen kann, verfügt die KMT über eine loyale Stammwählerschaft. In der Hauptstadt wird die Wahl daher oft eher entlang der Parteilinien als rein nach Persönlichkeit entschieden.
Anders als bei früheren Wahlen, bei denen eine starke dritte Partei das oppositionelle Lager spaltete, deutet diesmal alles auf ein direktes Duell hin. Die TPP hat signalisiert, keine eigenen Kandidaten gegen amtierende KMT-Bürgermeister aufzustellen, was die Chancen für einen DPP-Herausforderer zusätzlich erschwert.