Am 15. Mai haben Medienvertreter am zweiten Tag des Lviv Media Forum 2026 (LMF) über Vertrauen, Desinformation, Vorbereitungen auf den Fall eines Krieges und demokratische Resilienz diskutiert.
Die Veranstaltung stand unter dem Titel "From Informating to Sensemaking: How Public Media Guide Societies in the Eye of the Storm" (Von der Informationsvermittlung zur Sinnstiftung: Wie öffentliche Medien Gesellschaften im Auge des Sturms begleiten). Mehr als 60 Medienschaffende nahmen daran teil.
Moderiert wurde das Forum vom deutsch-ungarischen freien Journalisten Christian-Zsolt Varga, der sich seit langem mit Osteuropa und der Lage in der Ukraine beschäftigt. Zu den Diskussionsteilnehmern gehörten der stellvertretende Generalmanager von Radio Taiwan International, Chris Liu (劉嘉偉), die leitende Managerin des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks "Suspilne Ukraine", Mariya Frey, sowie die Mitgründerin und Geschäftsführerin der Media Development Foundation (MDF), Tamar Kintsurashvili.
Der stellvertretende Generalmanager von RTI, Chris Liu, erklärte, dass Taiwan weltweit an erster Stelle bei Angriffen durch Desinformation steht. Diese Angriffe kämen nicht nur vom "unfreundlichen Nachbarn" – der chinesischen Regierung –, Taiwan sei zugleich russischer Desinformation ausgesetzt. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz sei es nahezu unmöglich, sämtliche Desinformationen herauszufinden. Gerade deshalb seien öffentliche Medien noch wichtiger. Er sagte: "Wenn die Menschen nicht mehr wissen, was sie noch glauben können, dann wissen sie zumindest, dass öffentliche Medien verlässliche Nachrichten bieten können."
Die noch größere Herausforderung gehe jedoch von sozialen Plattformen aus. Chris Liu sagte, dass junge Menschen in Taiwan ebenso wie in der Ukraine chinesische soziale Medien wie TikTok und Rednote (小紅書) intensiv nutzten. Zwar konsumierten sie dort scheinbar Inhalte wie Beauty- und Lifestyle-Themen, doch die dahinterstehenden Algorithmen seien in der Hand der chinesischen Regierung: "Wenn die chinesische Regierung versucht, über Algorithmen die Wahrnehmung der Menschen zu beeinflussen, dann ist das ein enormes Problem für das gesamte Medienökosystem.“
Auf die Frage von Moderator Christian-Zsolt Varga, wie öffentliche Medien angesichts einer möglichen Kriegsbedrohung reagieren sollten, antwortete Chris Liu, Radio Taiwan International werde von der Regierung als "kritische Infrastruktur" eingestuft . Das bedeute, dass RTI sich auf Krisen- und Kriegszenarien vorbereiten müsse – etwa darauf, wie der Sendebetrieb bei Stromausfällen aufrechterhalten werden könne, von der Vorbereitung von Generatoren bis zur Gewährleistung der Sicherheit und psychischen Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbieter. Er sagte: "Wir glauben: Wenn wir ausreichend vorbereitet sind, wird der schlimmste Fall nicht eintreten."
Die aus dem Kriegsgebiet kommende Mariya Frey erinnerte mit Blick auf die ukrainische Erfahrung daran, dass sie vor der Vollinvasion auch glaubten, gut vorbereitet zu sein – doch am Ende sei das schlimmste Szenario dennoch eingetreten. Sie betonte, dass man als Medienschaffender, egal unter welchen Umständen, seine Arbeit gut leisten müsse, jeder seine Aufgaben erfüllen und auf seinem Posten bleiben müsse.
Tamar Kintsurashvili aus Georgien beschrieb eine andere Form der Gefahr: kein Krieg von außen, sondern vielmehr die Aushöhlung von Demokratie und Medien im Inneren des Staates.
Sie erklärte, dass es in postsowjetischen Staaten ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber staatlichen Medien gebe. Noch problematischer sei, dass prorussische politische Kräfte in den vergangenen Jahren schrittweise Justiz, Regierung und Parlament unter ihre Kontrolle gebracht hätten – und auch die öffentlichen Medien seien davon nicht verschont geblieben. Demokratie benötige die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Doch oft würden die Menschen erst aufwachen, wenn etwas Schwerwiegendes passiere. Nur wenn die Öffentlichkeit erkenne: "Das ist unser eigener Fernsehsender", und Veränderungen fordere, gebe es für die Medien noch Hoffnung.
Chris Liu von RTI antwortete, dass sich Medien Vertrauen erst verdienen müssten. Es sei kein Kapital, das man habe. Radio Taiwan International habe als weltweit erstes chinesischsprachiges Medium die Zertifizierung der "Journalism Trust Initiative" (JTI) erhalten. Dies bedeute, dass Medien gegenüber ihrem Publikum transparent und überprüfbar nachweisen müssten, wie ihre journalistischen Prozesse und professionellen Standards aussehen.
Moderator Christian-Zsolt Varga wies abschließend darauf hin, dass traditionelle westliche öffentlich-rechtliche Medien sich zu sehr auf ihre etablierten Systeme und ihre Stellung in der Gesellschaft verließen und dadurch Erfahrungen und Warnsignale aus Taiwan oder der Ukraine ignoriert hätten. Zudem wies er darauf hin, dass öffentliche Medien – nachdem sich in den vergangenen zehn Jahren grenzüberschreitende Recherchekooperationen entwickelt hätten – nun ebenfalls neue internationale Kooperationsnetzwerke aufbauen sollten.