Eine taiwanische Delegation unter der Leitung der Intendantin von Radio Taiwan International, Cheryl Lai (賴秀如), hat an einer nicht öffentlichen Diskussion am runden Tisch mit ukrainischen Medienorganisationen teilgenommen. Die Veranstaltung war Teil des Lviv Media Forum. Das Forum fand vom 14. bis 16. Mai unter dem Motto "Reality Under Attack" statt und befasste sich mit Krieg, Informationsmanipulation und den Bedrohungen, denen demokratische Gesellschaften ausgesetzt sind.
An der Diskussion am Runden Tisch nahmen auf ukrainischer Seite die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Suspilne und die International Broadcasting Multimedia Platform of Ukraine (IBMPU) sowie die unabhängigen Medien Nakypilo, Euromaidan Press, The Fix Media und Rubryka teil. Im Mittelpunkt der Gespräche standen Herausforderungen für demokratische Gesellschaften wie Informationskrieg, Desinformation, Medienresilienz und Chinas kognitive Kriegsführung.
Der stellvertretende Generalmanager von Radio Taiwan International, Chris Liu (劉嘉偉), erklärte, soziale Medien seien zur wichtigsten Informationsquelle für die taiwanische Öffentlichkeit geworden. Er fügte hinzu, dass die Verbreitung von Desinformation in Verbindung mit KI-generierten Inhalten die Regulierung sozialer Medien zunehmend erschwere.
Der Mitgründer der Taiwan Defense Studies Initiative, Joseph Wen (溫約瑟), sagte, derzeit seien etwa ein Drittel der Konten auf großen sozialen Medienplattformen gefälscht und handelten in böswilliger Absicht, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Zudem sei die taiwanische Regierung sowie die kritische Infrastruktur des Landes täglich durchschnittlich 2,6 Millionen Cyberangriffen aus China ausgesetzt.
Mehrere ukrainische Teilnehmer sahen Parallelen zwischen der Situation Taiwans mit China und den langjährigen Erfahrungen der Ukraine mit russischen Informationsoperationen.
RTI-Intendantin Chery Lai erklärte, angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen und einer sich rasch wandelnden Medienlandschaft betrachte RTI die Zusammenarbeit mit internationalen Medienorganisationen als Priorität. RTI habe 2024 die Rti Academy gegründet. Ziel sei der Aufbau einer Plattform für berufliche Fortbildung und Austausch durch Fachpublikationen duch Publikationen, Veranstaltung von internationalen Foren, Schulungen und die Teilnahme an internationalen Veranstaltungen. Sie fügte hinzu, dass RTI im vergangenen Jahr ein erstmals ein Programm zur Unterstützung ukrainischer Journalisten veranstatete und und zwei ukrainische Reporter für zweimonatige Recherchen nach Taiwan eingeladen habe. Längerfristige Aufenthalte ermöglichten internationalen Medien ein besseres Verständnis der Situation und Herausforderungen Taiwans als frühere Kurzbesuche.
Vizegeneralmanager Liu erklärte, die Erfahrungen der Vollinvasion der Ukraine dienten der taiwanischen Regierung als Lehre und Warnung. RTI sei eine von der Regierung als kritische Infrastruktur eingestufte öffentlich-rechtliche Medienanstalt und errichte daher schrittweise Backup-Systeme für Krisenzeiten. Zwar wünsche sich natürlich niemand solche Erfahrungen, doch sollten Taiwan und die Ukraine Lehren aus Krisenvorbereitung, Personalsicherheit, Instandhaltung kritischer Infrastruktur und Katastrophenbewältigung austauschen.
Die ukrainischen Teilnehmer zeigten besonderes Interesse an Taiwans Methoden zur Bekämpfung von Informationsmanipulation durch ausländische Akteure bei gleichzeitiger Wahrung der Meinungsfreiheit. Liu räumte ein, dass dies nicht einfach sei, und verwies auf das jüngste Beispiel des Gesetzes über digitale Dienste, das entlang politisch polarisierter Linien Kontroversen ausgelöst habe.
Ein weiteres Diskussionsthema war die Förderung der Medienkompetenz. Liu erklärte, Desinformationen seien nicht die einzige Herausforderung für Taiwan. China nutze Schwachstellen im demokratischen System und in der offenen Gesellschaft Taiwans aus, um kognitive Kriegsführung und gesellschaftliche Manipulation zu betreiben. Daher seien der Aufbau von Medienresilienz und die Förderung von Medienkompetenz im Umgang mit sozialen Medien zu zentralen Aufgaben geworden. Um jüngere Zielgruppen besser zu erreichen, habe RTI die Veranstaltungsreihe "Young Voice 100" an Hochschulen ins Leben gerufen, um durch Vorträge, Workshops und Trainingsprogramme Medienkompetez und demokratisches Bewusstsein der jungen Generation zu stärken.