Die taiwanische Vizepräsidentin Hsiao Bi-khim (蕭美琴) hat in einem gemeinsamen Exklusivinterview von Radio Taiwan International und CNA betont, der Aufbau von umfassenden Drohnenkapazitäten sei für Taiwan dringend. Hintergrund ist das geplante Sondergesetz zur Drohnenbeschaffung, das die Regierung mit einem Umfang von 210 Milliarden Taiwan-Dollar (etwa 5,64 Milliarden Euro) vorgelegt hat und das frühestens am 28. im Parlament zur Abstimmung kommen soll. Hsiao sagte, Taiwan dürfe nicht zulassen, dass Peking Taiwans Entschlossenheit zur Selbstverteidigung falsch einschätze. Sie rief das Parlament auf, praktikable Vorschläge zu unterstützen und auf diese Weise Taiwans Willen und Fähigkeit zur Selbstverteidigung zu belegen.
Hsiao begründete den Zeitdruck mit drei Bereichen: Militär, zivile Sicherheit und Industrie. Militärisch seien Drohnen in der Ukraine zu einem wichtigen Mittel asymmetrischer Verteidigung geworden. Auch die jüngsten Konflikte im Nahen Osten verdeutlichten die wachsende Bedeutung von Drohnen als neues Kriegsinstrument. Darüber hinaus seien einige europäische Länder sowie Nachbarländer Russlands mit Drohnenangriffen konfrontiert, und Energieanlagen sowie Rechenzentren in vielen Ländern des Nahen Ostens seien Ziel von Drohnenangriffen geworden. Taiwan müsse seine Verteidigungsfähigkeiten ernst nehmen.
Taiwans Strategie sei Abschreckung, daher müsse die Hürde für einen Angriff so hoch wie möglich sein. Als Beispiel nannte sie das Manöver “Combined Resolve" in Deutschland, bei dem im April eine US-Panzerbrigade mit rund 3.500 Soldaten in einem Übungsszenario einem Gegner unterlag, der von einer ukrainischen Drohneneinheit dargestellt wurde. Auch jenseits des Schlachtfelds sehen sich viele Länder mit verschiedenen regionalen Risiken und Bedrohungen in der Grauzone konfrontiert, was die Entwicklung von Drohnenkapazitäten zu einem globalen Konsens macht. Die Vizepräsidentin erklärte, dass mehrere europäische Länder an der Grenze zu Russland sogenannte “Drohnenmauern” (“drone walls”) als wichtige Verteidigungsmaßnahme gegen potenzielle russische Aggressionen errichtet hätten. Darüber hinaus kooperierten bereits viele andere Länder, wie beispielsweise Deutschland und Japan, bei der Produktion und Entwicklung von Drohnen.
Für den Zivilschutz sagte Hsiao, Drohnen könnten bei der Katastrophenhilfe schneller Lagebilder und Hilfsgüter liefern und Einsätze unterstützen, wie etwa nach dem Erdbeben vom 3. April 2024 in Hualien oder bei den katastrophalen Überschwemmungen in Hualien im letzten Jahr. In der Wirtschaft räumte sie ein, Taiwans Drohnenindustrie sei zwar später gestartet, könne aber aufholen, wenn Budget und Inlandsnachfrage gesichert seien. China dominiere momentan den Drohnen-Weltmarkt durch Massenproduktion und niedrige Preise; Taiwan könne als Teil einer unabhängigen, "nicht-roten" Lieferkette punkten. Internationale Hersteller entscheiden sich aufgrund ihres Vertrauens in Taiwans Forschungs-, Entwicklungs- und Serienproduktionskapazitäten ebenfalls für Taiwan als Produktionspartner. Mit Blick auf neue Anwendungen durch Künstliche Intelligenz sagte sie, Taiwan könne eine Schlüsselrolle bei der Deckung des Bedarfs dieser neuen Anwendungen spielen. Verzögerungen oder Kürzungen bei den Budgets würden nach ihrer Darstellung Chancen kosten und auch das Vertrauen internationaler Partner schwächen.