Taiwan wird häufig als junge vorbildliche Demokratie beschrieben, insbesondere im Vergleich zu vielen anderen asiatischen Ländern: Freie Wahlen, eine einflussreiche Zivilgesellschaft, gute Wahlbeteiligungen, politische Rechte, und so weiter.
Doch hin und wieder schreibt eine andere Seite der taiwanischen Demokratie die Schlagzeilen. Denn in Taiwan ist es keine Seltenheit, dass bei besonders hitzigen Parlamentsdebatten, das demokratische Ideal des diskursiven Austauschs dem Mittel der physischen Gewalt weicht. Abgeordnete bewerfen sich dann mit Stühlen und Flaschen, schieben, schubsen, und raufen sich nieder, blockieren Rednerpulte oder Plenarsäle und reißen Mikrophone heraus.
Von 1987 bis 2019 gab es insgesamt 202 Schlägereien im taiwanischen Parlament. Aber warum? Und wie passt das mit Taiwans gutem Ruf als Demokratie zusammen? Und mit den hohen Bewertungen, die Taiwan in verschiedenen Demokratie-Indizes erlangt? Gibt es da einen Widerspruch?
In zwei Teilen geht es um diese Fragen im Kulturpanorama. Im heutigen ersten Teil geht es um die Ebene des einzelnen Abgeordneten; in Teil zwei um das System als Ganzes. Dabei beziehe ich mich zu großen Teilen auf die Arbeit der zwei Politikwissenschaftler Nathan F. Batto und Emily Beaulieu (2024), die das Buch „Making Punches Count – The Individual Logico f Legislative Brawls“ geschrieben haben.