Mit dem "Internationalen Jahr der Genossenschaften 2025" wollen die Vereinten Nationen auf das Potential dieser Wirtschaftsform für nachhaltige Entwicklung aufmerksam machen. Wie Genossenschaften zur wirtschaftlichen Entwicklung in Taiwan beigetragen haben und welche Rolle Deutschland dabei gespielt hat, darüber habe ich mit Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) gesprochen.
Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) sind Journalistinnen und haben über viele Jahre hinweg unzählige Genossenschaften in Taiwan und anderen Ländern besucht und begleitet. Letztes Jahr veröffentlichten sie das Buch “合作社不是福利社“ – Genossenschaften sind keine Wohlfahrtsverbände. Darin stellen sie 18 Genossenschaften aus dem chinesisch-sprachigen Raum vor.
Die Idee von Genossenschaften besteht darin, dass sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam zu wirtschaften. Über die Verwendung der Gewinne wird dabei gemeinsam nach demokratischen Prinzipien bestimmt.
“Die Genossenschaften in Taiwan waren anfangs etwas, was die Regierung vorangetrieben hat. Das Land hatte dieses Bedürfnis, und dann hat man die Bevölkerung dazu ermutigt, Genossenschaften zu gründen. Anfangs war es so, dass vor allem Orte, an denen es nicht einfach war, einzukaufen, zum Beispiel Regierungsinstitutionen und Schulen, an denen es Konsumgenossenschaften gab.”
Tatsächlich ist es auch heute noch so, dass so gut wie jede Universität in Taiwan einen eigenen genossenschaftlichen Laden hat.
Wie auch in anderen Ländern gibt es im taiwanischen Genossenschaftswesen starke Einflüsse aus Deutschland. Mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch kommen zwei wichtige Pioniere der Genossenschaftsbewegung aus Deutschland. Interessant ist jedoch, dass diese deutschen Einflüsse auf der einen Seite von den japanischen Kolonialherren und auf der anderen Seite auch von der Kuomintang-Regierung nach Taiwan gebracht wurden.
Genossenschaften unter japanischer Kolonialherrschaft
“Es gab zwei Entwicklungsstränge. Der eine ist der aus der japanischen Zeit. Die japanische Regierung trieb Genossenschaften nach dem deutschen Muster voran. Als Kolonialwirtschaft hoffte die japanische Regierung, dass die taiwanischen Ressourcen Japan und der dortigen Wirtschaft zugutekommen.”
Insbesondere Zuckerrohr und Bananen aus Taiwan waren in Japan sehr gefragt. Genossenschaften wurden als Möglichkeit gesehen, der taiwanischen Landbevölkerung die Verbesserung der eigenen Lebensgrundlage zu ermöglichen und so eine bessere Grundlage für die wirtschaftliche Produktion zu schaffen. Insbesondere Kreditgenossenschaften nach dem Modell von Raiffeisen ermöglichten der Landbevölkerung, Geld zu günstigen Konditionen zu leihen.
Doch woher kannten die Japaner das Prinzip der Genossenschaften? Zur Zeit der Meiji-Restauration ab 1868 waren viele Japaner zum Studium nach England und Deutschland gegangen, wo sie mit dem Genossenschaftswesen in Berührung kamen. Dieses Wissen brachten sie dann zurück nach Japan, und von dort weiter nach Taiwan.
Dennoch scheint es erstaunlich, dass eine Kolonialregierung die Bevölkerung ihrer Kolonie zur Selbstorganisation in Genossenschaften ermuntert. Ein Faktor war sicherlich, dass Taiwan die erste Kolonie Japans war. Japan wollte Taiwan zu einer “Musterkolonie” formen und investierte in die Wirtschaft und Infrastruktur der Insel.
“So wie ich das verstehe, ist es so, dass man hoffte, dass arme Menschen selbstständig werden. Natürlich muss die Regierung so weniger Ressourcen zur Unterstützung zur Verfügung stellen.”
Ein weiterer Kontext ergibt sich aus der starken Ausbeutung, der Zuckerrohrbauern damals ausgesetzt waren, wenn sie ihre Ernte an japanische Unternehmen lieferten.
“Für Taiwans gebildete Jugend bestand die Herausforderung darin, die Gründung von Genossenschaften zu ermöglichen – ein Mittel, um diese starke Ausbeutung zu mildern.”
Ein weiterer Grund für die Bildung von Genossenschaften war, dass die japanische Regierung damals die politische Beteiligung der taiwanischen Bevölkerung einschränkte. Die demokratische Organisationsform der Genossenschaften wurde zu einem Ventil für den Wunsch nach politischer Beteiligung.
Genossenschaften unter der Herrschaft der Kuomintang
Nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft und der Übergabe Taiwans an die Republik China übernahm die chinesische Kuomintang-Partei dort das Ruder, was zu großen Umbrüchen führte. Die Haltung der Partei zum Genossenschaftswesen war komplex und nicht nur positiv. So wurden bestehende landwirtschaftliche Genossenschaften wohl auf Empfehlung US-amerikanischer Berater in ein System von landwirtschaftlichen Vereinigungen (農會) integriert.
Tatsächlich hatte die Kuomintang auf dem chinesischen Festland aber die Entwicklung von Genossenschaften vorangetrieben. Es schien ein gutes Mittel, die verarmte Landbevölkerung dort zu stärken. Eine Person war dabei von besonderer Bedeutung: Chen Guofu (陳果夫) aus der einflussreichen Familie Chen. Familie Chen war eine der “Vier großen Familien” (四大家族), die die Geschichte der Republik China prägten, zunächst auf dem chinesischen Festland, später auch in Taiwan.
“In der Familie Chen gab es zwei Leute, einer davon hieß Chen Guo-fu, der andere Chen Li-fu. Beide hatten damals ein sehr gutes Verhältnis zu Chiang Kai-shek. Chen Guo-fu wollte damals Deutsch lernen. Sein Lehrer erzählte ihm von der Entwicklung von Genossenschaften in Deutschland. “
Dieser Lehrer war Hsueh Hsian-chou (薛仙舟). Er hatte in Berlin studiert und gilt als einer der Pioniere der Genossenschaftsbewegung in China.
PX Mart: von einer Genossenschaft zur Supermarkt-Kette
Chen Guo-fu entwarf später das offizielle “Genossenschaftszeichen” der Republik China: drei rote horizontale Streifen auf dunkelblauem Hintergrund, darauf ein weißer Kreis, der drei im Dreieck angeordnete Zacken umrundet. Wer es schafft, das zu visualisieren, dürfte sich vielleicht an das Logo der Supermarktkette PX Mart erinnert fühlen.
Diese wurde tatsächlich 1974 vom taiwanischen Innenministerium als “Wohlfahrtszentrum” (福利中心) für Lehrer, Beamte und Militärangehörige gegründet. Damals waren die Gehälter von Staatsangestellten niedrig. Im Wohlfahrtszentrum konnten diese Menschen jedoch staatlich subventioniert zu günstigen Preisen einkaufen.
15 Jahre später, im Jahr 1989 wurden die Wohlfahrtszentren in Genossenschaften für Lehrer und Beamte umgewandelt, die Versorgung von Militärangehörigen wurde separat geregelt. 1998 wurde die Kette jedoch im Zuge eines Skandals um Steuerhinterziehung privatisiert und das Logo leicht angepasst.
Trotz dieser wechselhaften Politik Genossenschaften gegenüber, ist die staatliche Förderung von Genossenschaften sogar in der taiwanischen Verfassung festgeschrieben. Artikel 145 der Verfassung der Republik China schreibt: “Genossenschaften sollen vom Staat gefördert und unterstützt werden”
“Etwa die Hälfte aller Länder auf der Welt haben solche gesetzlichen Bestimmungen in der Verfassung.”
Tatsächlich habe ich im Gespräch mit Taiwanern häufig das Gefühl, dass sie in der Regel ein hohes Bewusstsein für Genossenschaftswesen haben. Das liegt sicher auch daran, dass fast jede Universität eine eigene Konsumgenossenschaft hat. Gleichzeitig aber sind sich viele Genossenschaftsmitglieder gar nicht bewusst, dass sie Teil einer Genossenschaft sind. Zudem gibt es immer noch Missverständnisse darüber, was Genossenschaften eigentlich sind. Der Titel von Chen Yi-huas (陳怡樺) und Chen Yu-lings (陳郁玲) Buch lautet “Genossenschaften sind keine Wohlfahrtsverbände”. Das ist eine Anspielung darauf, dass genossenschaftliche Läden, welche Produkte häufig günstiger anbieten können, zum Teil für Discounter gehalten werden. Bei Genossenschaften geht es aber um mehr.
“Wie wir gesagt haben, das Wichtigste an Genossenschaften ist das Prinzip von einer Stimme pro Person. Die Organisationsmethode ist anders als in Firmen - Genossenschaften achten darauf, wohin die Menschen gemeinsam gehen wollen, Firmen schauen aufs Geld. Jetzt reden Firmen auch über ESG, über Sozialunternehmen, die Verantwortung von Firmen gegenüber der Gesellschaft, solche Sachen. Ich glaube daher, dass Genossenschaften zurück zu den sieben internationalen Prinzipien von Genossenschaften kehren sollten und diese umsetzen sollten.”
Die sieben internationalen Prinzipien von Genossenschaften stammen ursprünglich aus dem Jahr 1844. Sie sind auch als Rochdale Prinzipien bekannt, nach einer der ersten Genossenschaften aus Großbritannien. Später wurden sie von der International Cooperative Alliance übernommen. Sie lauten “freiwillige und offene Mitgliedschaft”, “demokratische Mitgliederkontrolle”, “wirtschaftliche Beteiligung der Mitglieder”, “Autonomie und Unabhängigkeit”, “Ausbildung, Fortbildung und Information”, “Zusammenarbeit zwischen Genossenschaften” und “gesellschaftliche Verantwortung”.
Die Bedeutung von genossenschaftlicher Bildung
Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) heben dabei insbesondere das fünfte Prinzip “Ausbildung, Fortbildung und Information” hervor.
“Ich glaube, die genossenschaftliche Bildung der Genossenschaftsmitglieder ist ganz grundlegend.”
Beide erfuhren ihre “genossenschaftliche Bildung” in der “Hausfrauen-Allianz” (主婦聯盟生活消費合作社), der wohl wichtigsten Genossenschaft in Taiwan. Sie wurde 1993 von einer Gruppe von Müttern ins Leben gerufen. Im Zuge von Lebensmittelskandalen machten sie sich Sorgen um Lebensmittelsicherheit und gründeten eine Konsumgenossenschaft für ökologisch angebaute, schadstofffreie Lebensmittel.
Auch Schülergenossenschaften sind eine Möglichkeit, Genossenschaftsbildung schon im frühen Alter zu starten und junge Menschen mit den Prinzipien von Genossenschaften vertraut zu machen. Im vergangenen Jahr luden Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) daher einen deutschen Experten ein, zu diesem Thema einen Vortrag zu halten.
Ohne genossenschaftliche Bildung ist es schwer, die demokratischen Strukturen innerhalb einer Genossenschaft aufrechtzuerhalten. Auch mit einer steigenden Anzahl an Mitgliedern wird es schwierig, direkt-demokratische Strukturen zu beizubehalten.
“Die Genossenschaften, die Menschen kennen, also landwirtschaftliche Genossenschaften, Konsumgenossenschaften und Kreditgenossenschaften, diese drei Arten von Genossenschaften haben sehr sehr viele Mitglieder. Wenn sie so viele Mitglieder haben, werden sie sehr leicht zu einer indirekten Demokratie. Sie wählen Vertreter, die wiederum die Gremien besetzen. Das ist nicht wie bei einer Produktivgenossenschaft - natürlich gibt es auch sehr große Produktivgenossenschaften, aber Produktivgenossenschaften sind in der Regel weniger Mitglieder, die Wahrscheinlichkeit der direkten Demokratie ist damit höher.”
Bei Produktivgenossenschaften handelt es sich um Unternehmen, bei denen die Beschäftigten gleichzeitig Mitglieder und Miteigentümer der Genossenschaft sind. Anders als Konsumgenossenschaften, bei denen sich Menschen zum Kauf von Produkten zusammenschließen, sind die Mitglieder einer Produktivgenossenschaft also selbst an der Produktion beteiligt.
Aktuelle Situation von Genossenschaften in Taiwan
Aktuell herrschen in Taiwan zwei parallele Trends vor. Auf der einen Seite werden viele Genossenschaften, die mit Regierungshilfe initiiert wurden, aufgelöst.
“Unter den Genossenschaften, die wir interviewt haben, waren auch viele, die Anfangs von der Regierung gegründet wurden. Also dass Beamte gesagt haben: “Diese Sache lässt sich gut mit einer Genossenschaft erledigen”. Also gründeten sie eine Genossenschaft oder halfen dabei. Aber solche Genossenschaften, wenn man nicht weiter genossenschaftliche Bildung betreibt, sind sie sehr anfällig dafür, aufgelöst zu werden. Auch weil sie sich dem Wettbewerb auf dem freien Markt stellen müssen.
Dies gilt insbesondere für verbraucherorientierte Genossenschaften. Diese verstehen sich zum Teil eben als Wohlfahrtsladen. Wenn jedoch das Einkaufen außerhalb der Genossenschaft bequemer wird, könnten die Mitglieder aufhören, ihren Wohlfahrtsladen zu frequentieren. Er wird ersetzt und aufgelöst.”
Ein mangelndes Selbstverständnis von Genossenschaften gibt es zum Teil auch an Universitäten.
“An Universitäten oder öffentlichen Einrichtungen sind sich die Mitglieder von Konsumgenossenschaften manchmal gar nicht bewusst, dass sie Mitglieder einer Genossenschaft sind. Sie denken einfach, dass man da halt einkaufen kann, und dass die Sachen auch noch ziemlich günstig sind. Aber ich glaube, in den letzten Jahren gibt es ein stärkeres Interesse an Genossenschaften. Wir werden oft angefragt, in Stadtvierteln oder Behörden über Genossenschaften zu sprechen. Das gab es früher weniger.”
Ein Faktor an dem höheren Interesse ist ein neuer Fokus auf lokale Wertschöpfung. Lokalregierungen hoffen, dass junge Menschen zurück in ihre Heimatorte ziehen, wenn Genossenschaften Arbeitsmöglichkeiten vor Ort bieten. Diese jungen Menschen haben in der Regel einen hohen Bildungsstandard, und interessieren sich für ein selbstbestimmtes Arbeitsumfeld.
Die Ausbreitung von Convenience-Läden wie 7-11 und Family Mart macht es aber insbesondere Konsumgenossenschaften schwer. Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) erzählen von einer Universitätsgenossenschaft, die trotzdem erfolgreich ist.
“Im Buch haben wir die Konsumgenossenschaft der Chiayi-Universität interviewt. Wir finden sie sehr stark. Die Chiayi-Universität wurde durch die Zusammenlegung zweier Universitäten gebildet. Eines war die Lehrer-Uni, die andere die Landwirtschafts-Uni. Sie hatten also viele landwirtschaftliche Erzeugnisse und andere Produkte aus der Lebensmittelforschung, die in der Uni-Genossenschaft verkaufen konnten. Dadurch war die Verbindung der Lehrer und Schüler der Uni mit der Genossenschaft sehr eng.
Die Uni fand die Genossenschaft auch sehr wichtig, daher war ihre Position auf dem Campus auch sehr gut. Ob eine Uni ihre Genossenschaft schätzt oder nicht, kannst du schon daran erkennen, wo sich der Genossenschaftsladen befindet. Weil viele Universitäten Genossenschaften immer weniger Wert beimessen, sind die Läden oft in einem Raum im Keller.”
Die Genossenschaft der Chiayi-Universität hat einen weiteren Erfolgsfaktor: sie hat umfassendere Öffnungszeiten als der 7-11 auf dem Campus. Convenience Läden in Taiwan sind eigentlich bekannt dafür, das ganze Jahr über rund um die Uhr geöffnet zu haben. Auf Universitätscampusen jedoch schließen sie in der Regel während der Semesterferien. Nicht so die Universitätsgenossenschaft, die im Jahr nur an drei Tagen geschlossen hat.
Services da anzubieten, wo es aus wirtschaftlichen Gründen niemand anderes tun möchte – hier zeigt sich die große Stärke von Genossenschaften. Aber gleichzeitig befinden sie sich im ständigen Wettbewerb mit anderen Anbietern auf dem freien Markt. Ohne Menschen, die sich bewusst entscheiden, Genossenschaften zu unterstützen, geht es also doch nicht.